Victim Blaming und die Straßenverkehrsordnung (StVO)

Stellungnahme FUSS e.V. Stuttgart zu: „War der Unfalltod einer Zweijährigen vermeidbar“

Anlass  dieser Stellungnahme ist die Verhandlung zum Tod eines Kindes am Tennisplatz Doggenburg durch Überfahren beim Ausparken, genauer: Die Aussagen des Gutachter und eines Polizisten.Wir beziehen uns auf diesen Artikel:

„War der Unfalltod einer Zweijährigen vermeidbar“

Man liest – in Polizeiberichten und Zeitungsartikeln – immer wieder, wenn im Straßenverkehr ein Radfahrer, ein Fußgänger, Kinder, Ältere etc. durch Pkws und ihre FahrerInnen sterben: „Der Radfahrer trug keinen Helm, das Kind war sehr klein, der ältere Herr trug dunkle Kleidung….“ – Damit wird ziemlich direkt die Mitschuld oder wenigsten die Mitverantwortung des Opfers an seinem Tod bzw. Unfall verkündet.

Aktuell sind wir – Aktive von FUSS e.V. Stuttgart – fassungslos über die Aussagen von einem Gutachter und einem Polizisten bei der laufenden Gerichtsverhandlung zum Tod des zweieinhalb Jahre alten Kindes durch Überfahren durch eine Fahrerin eines Porsche Cayenne (siehe oben genannten Artikel). Das Modell des PKW wird von uns deshalb genannt, weil der Trend zu immer größeren, PS-stärkeren PKW die Gefährdung für zu Fuß-Gehende – aber auch Radler – massiv erhöht.

Das Kind kam zu Tode, als die Angeklagte – immerhin wegen fahrlässiger Tötung angeklagt – rückwärts aus einem Parkplatz fuhr. Sie war nicht mit Tempo 50 unterwegs und plötzlich erscheint wie aus dem Nichts ein kleines Kind vor ihrer Kühlerhaube (…zwischen zwei parkenden PKW z.B.), nein: Sie parkte aus.

Im Artikel sind Aussagen zugunsten der Fahrerin zu finden:

Der Gutachter:

Sein Fazit: Sie – Anmerkung: Autofahrerin – habe, wenn sie den Steiner-Weg in beide Fahrtrichtungen beobachten wollte, nicht ständig alle Bereiche rund ums Auto im Blick haben können. Zudem habe sie das etwa einen Meter große Mädchen nicht an allen Stellen rund ums Auto sehen können. Die Hilfe eines „geeigneten Einweisers“ hätte nur dann etwas gebracht, wenn dieser alle Bereiche hätte einsehen können (Anmerkung: Einweiser, die aussteigen, können rund ums Auto laufen…)

Der Polizist:

Im Straßenverkehr gehört ein zweijähriges Kind an die Hand“, sagte ein 57-jähriger Verkehrspolizist als Zeuge. Die Frage nach der Vermeidbarkeit beantwortet er eindeutig: „Bei all meiner Erfahrung als Polizist: Mir wäre der Unfall unter diesen Umständen auch passiert.“

Diese Aussagen sind ein Skandal. Im ersten Fall – die des Gutachters – war der Tod des Kindes so etwas wie höhere Gewalt, kann man nichts machen, Schicksal.

Im zweiten Fall – die Aussage des Verkehrspolizisten(!) – wird die Schuld ganz klar dem Opfer bzw. seinem Großvater zugeschoben.

Dabei ist die Straßenverkehrsordnung, was den Umgang aller Verkehrsteilnehmer miteinander angeht, sehr klar. Beide – der Gutachter und der Polizist müssten sie eigentlich kennen und verinnerlicht haben und gerade PKW-FahrerInnen gegenüber nachdrücklich und immer wieder vertreten:

StVO, § 1 Grundregeln

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

StVO, § 10 Einfahren und Anfahren

Wer aus einem Grundstück, aus einer Fußgängerzone (Zeichen 242.1 und 242.2), aus einem verkehrsberuhigten Bereich (Zeichen 325.1 und 325.2) auf die Straße oder von anderen Straßenteilen oder über einen abgesenkten Bordstein hinweg auf die Fahrbahn einfahren oder vom Fahrbahnrand anfahren will, hat sich dabei so zu verhalten, dass eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist; erforderlichenfalls muss man sich einweisen lassen. Die Absicht einzufahren oder anzufahren ist rechtzeitig und deutlich anzukündigen; …..“

Wenn ein PKW-Fahrer also nicht alles sieht, weil die Situation unübersichtlich ist, so wie in der Verhandlung beschrieben: „…Es war Mittagszeit, Schulschluss in der nahen Waldorfschule, wo an diesem Tag wegen einer Veranstaltung auch noch etliche Eltern waren – ein „Gewusel“, wie die Tennispartnerin der Angeklagten es beschrieb….“, dann muss er/sie sich einweisen lassen – von wem auch immer, der gerade in der Nähe ist -, dann muss er/sie notfalls auch selber aussteigen und sich vergewissern, dass ums das hohe Auto rum frei ist, oder: Dann muss er/sie einfach mal warten, bis die Situation wieder übersichtlicher ist.

Eine Gesellschaft muss auf ihre schwächsten Mitglieder achten und Rücksicht nehmen, auch und gerade im Straßenverkehr. Hier sind es Zu-Fuß-Gehende, Rad-Fahrende, Kinder, Alte, die im immer dichter werdenden Straßenverkehr besonders gefährdet sind.

Die Straßenverkehrsordnung hat diesen Gedanken verinnerlicht und in die zitierten Paragrafen aufgenommen. Es ist Aufgabe der Polizei, dies den PKW-FührerInnen immer wieder nahe zu bringen und so den Tod von Kindern, Alten und Radlern etc. mit zu verhindern.

Susanne Jallow

Sprecherin FUSS e.V. Suttgart

 

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