Stuttgart liebt seine Bürger nicht, oder: Die Baustelle des Grauens

„Aktuell zeigt Stuttgart seine Menschenverachtung in Form einer Baustelleneinrichtung“

Städte lieben keine Menschen. Aber Städte können ihre Verkehrspolitik am Menschen ausrichten. Es zeigt sich bei verschiedensten Gelegenheiten, was die Entscheider, die Verwaltung, die Leute in den Ämtern so von den Bürgerinnen ihrer Stadt halten.  Oder ob sie sie überhaupt auf dem Schirm haben, die Schüler, die Kinder, die Alten, die Mobilitätseingeschränkten, die Fußgänger, die Radfahrer, die Leute, die ihre täglichen Dinge erledigen gehen, da wo sie wohnen und da wo sie arbeiten, in ihrem Viertel, in ihrer Stadt.

Aktuell zeigt Stuttgart seine Menschenverachtung in Form einer Baustelleneinrichtung, verbunden mit Umleitungen, wie ich sie seit der Baustelleneinrichtung für die Baumfällarbeiten für Stuttgart 21 nicht mehr erlebt habe, eine, die ihresgleichen sucht.

Eingerichtet und in Betrieb genommen wurde die Baustelle ohne die in anderen Städten übliche  Vorwarnung über die Medien – Radio, Tageszeitung. Autofahrer und Anwohner, Radler und Fußgänger wurden unvorbereitet aufeinander losgelassen bzw. die schwächeren Verkehrsteilnehmer und Anwohner zur Seite geschoben.

 

Worum gehts? Es handelt sich um die Baustelle um das Neckartor herum, in dem Bereich, in dem eine Messstelle seit Jahren überhöhte Feinstaubwerte und Stickoxidwerte misst.

Luftwerte, wegen der die Dieselfahrer jetzt nicht mehr in die Stadt fahren dürfen. Böse Messstelle. Und damit diese Messstelle nicht mehr so böse Werte misst, wird jetzt …… nein, es wird nicht der Verkehr reduziert, es werden keine durchgängige Busspur und eine Radspur, oder breitere bzw. überhaupt Gehwege eingerichtet, nein, was viel tolleres: Es wird ein unerprobter, gesundheitlich umstrittener Asphalt in dem Bereich rund um die Messstelle auftragen, damit nicht mehr so böse Werte gemessen werden. Denn wenn da keine schlechten Werte gemessen werden, dann ist die Luft in Stuttgart wieder gut, dann dürfen wieder alle fahren, wie sie es schon immer getan haben – und der Kaiser ist nackt.

Der Zweck dieser Baustelle – Fahrverbote zu verhindern – zeigt deutlich: Gute Luft zum Atmen und die Gesundheit der BürgerInnen in der Stadt sind Stadt und Land herzlich gleichgültig.

Um diesen Belag gehts:

Ein recht unkritischer Artikel in den Stuttgarter Zeitungen:

Hoffen auf die Wirkung des Hightech-Asphalts

Dafür ein kritischer Bericht des SWR:

Hightech-Straßenbelag soll Stuttgarter Stickoxide fressen

Der Hinweis auf mögliche Krebserregung fehlt nicht, auch nicht der  auf die geringe Wirkung. Die Kritik zur Baustellen Einrichtung durch Radblogerin und der BI Neckartor ist auch eingearbeitet. Danke SWR!

„Wer seine Baustellen so einrichtet, der baut auch nichts Gutes für die Menschen einer Stadt.“

Nun aber zur Baustelleneinrichtung. Um es kurz zu beschreiben:

Sie wurde so eingerichtet, dass der Verkehr fließt. Auch wenn er gar nicht fließen kann, weil er ein Dauerstau ist. Es wurden die ursprünglichen Fußgänger-Ampeln stillgelegt und die Fußgänger weitgehend ohne Hinweise auf abenteuerliche Umwege geschickt oder durch ihr Nichtbeachten eigentlich dazu aufgefordert, sich doch bitte zu verpissen. Sie sind dem Verkehr im Weg.

Der meiste Verkehr der B14 stadtauswärts wird durch die Neckarstraße geführt. Ein Gebiet mit Wohnbevölkerung, Läden, Post, Apotheke. Schwerlastverkehr und Busse nun mitten drin.

Radfahrer und Fußgänger wurden zur Seite geschoben und sind nunmehr den 5. Tag in Folge dazu verdonnert, sich irgendwie durchzuschlagen, wenn sie schon nicht zu Hause bleiben wollen.

Das sieht dann so aus:

Die Ampeln sind abgeschaltet, damit kein Auto versehentlich für Fußgänger warten muss. Nicht auszudenken.

Fußgänger, die sich durchschlagen, die Ampeln sind außer Betrieb:

 

Anwohnende Kinder mit Tagesfreizeit, die in den Park wollten, denn es sind Ferien:

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Radler, die sich durchschlagen:

 

Ein Fußgänger, der sich durchschlägt:

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Diese Bilder habe ich innerhalb von 10 Minuten aufgenommen. Diese Situationen gibt unzählige in kurzen Abständen seit Tagen. Denn es ist ein Wohnviertel, das Viertel hinter dem Neckartor und oberhalb der Neckarstraße. Hier sind viele Menschen unterwegs. Zumeist zu Fuß, aber auch mit dem Rad:

 

Der Verkehr, der vom Schützenplatz und Kernerplatz kommt, wird hier – durch das Wohngebiet oberhalb der Neckarstraße – durchgeleitet, am Ende in die Neckarstraße eingeführt:

 

Seit Tagen sieht es hier so aus, es staut sich links, um die Kurve runter zur Neckarstraße:

 

Diejenigen, die an dieser Stelle entnervt und mit Motorengeheul umdrehen, rasen in der Tempo 30-Zone an einem Kindergarten und einer Kita, die zur Friedenskirche gehören, vorbei die Schubartstraße nach oben in  Richtung Werastraße, weil sie denken, da gings dann irgendwie schneller weiter.

Seit Tagen hupt und röhrt es permanent im Viertel, es stinkt, man will wirklich nicht nach draußen gehen.

„Es geht Land und Stadt ausschließlich um eines: Dass der Verkehr ungestört fließt.“

Es geht bei dieser Baustelle inhaltlich – Zauberasphalt –  so wenig um das Wohlergehen der Bewohner der Stadt,   wie es auch bei der Baustelleneinrichtung nicht darum geht, wie die Anwohner damit leben können. Wer seine Baustellen so einrichtet, der baut auch nichts Gutes für die Menschen einer Stadt.

Es gehen Land und der Stadt ausschließlich um eines: Dass der Verkehr ungestört fließt. Während  der Baustelle und danach auch.

Dass durch diese Baustelleneinrichtung die Bewohner massiv gefährdet und und in ihrem täglichen Leben zutiefst behindert werden, wurde der Stadt Stuttgart und der Polizei kurz nach Einrichtung der Baustelle mitgeteilt. Rad-Aktive , die BI Neckartor  und FUSS e.V. Stuttgart haben mit Schreiben an die Stadt darum gebeten, die geschilderten Missstände zu beheben bzw. abzumildern.

Andere Blogs haben früh berichtet:

Beitrag auf der Seite der BI Neckartor „Alles fürs Auto“,

Beitrag auf Christine Lehmans Blog zur sehr speziellen Radumleitung

Antwort von Verantwortlichen hat von uns niemand bekommen. Geändert wurde nichts.

5 Tage danach: Für Fußgänger fehlen bis jetzt Hinweisschilder, die Ampeln bleiben aus, obwohl im stehenden Verkehr durchaus Fußgänger hätten sicher queren können.

„Diese Stadt klammert sich an die Vergangenheit: Freie Fahrt für freie Bürger bis zuletzt“

Der Spuk soll am Mittwoch vorbei sein. Aber diese Stadt hat gezeigt, worum es ihr geht: Sie will Autostadt bleiben. Eine Verkehrswende wird es mit den momentan Verantwortlichen in Stadt und Land nicht geben.

Diese Stadt klammert sich an die Vergangenheit: Freie Fahrt für freie Bürger bis zuletzt. Lebenswerte Stadt, Klimawandel? Kein Thema.

Irgendwann wird Stuttgart – so sich nichts ändert in der Politik – das letzte Einhorn der Autofahrer sein, ein Reservat für Automobilisten, vielleicht mit Rennbahn. Denn die andern, die, die stören beim Autofahren, werden längst das Weite gesucht haben.

Ob die Stadt aber auf die richtige Karte setzt mit ihrer jetzigen Politik?

Zum Trost ein Filmchen, da zeigt, wie gut es sich in Städten leben lässt, wenn sie vom Menschen her gedacht werden. Viele Städte haben sich schon auf den Weg gemacht. Stuttgart gehört nicht dazu.

Spanien: Pontevedra – ein Paradies für Fußgänger

 

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